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Geistlicher Impuls


 

 

Predigt
Pfr. Martin Wirth über Philpper 3,7-11

 

Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen
für Schaden geachtet.
Ja, ich erachte es noch alles für Schaden
gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis
Christi Jesu, meines Herrn.
Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden,
und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne
und in ihm gefunden werde,
dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit,
die aus dem Gesetz kommt,
sondern die durch den Glauben an Christus kommt,
nämlich die Gerechtigkeit,
die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.
Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung
und die Gemeinschaft seiner Leiden
und so seinem Tode gleichgestaltet werden,
damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
Nicht, dass ich’s schon ergriffen hätte
oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach,
ob ich’s wohl ergreifen könnte,
weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Meine Geschwister, ich schätze mich selbst noch nicht so ein,
dass ich’s ergriffen habe.
Eins aber sage ich: „Ich vergesse, was dahinten ist,
und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist
und jage nach dem vorgesteckten Ziel,
dem Siegespreis der himmlischen Berufung in Christus Jesus.

 

 

Heiliger Geist erleuchte uns, öffne uns dieses Wort für unser Leben.
 

 

Liebe Schwestern und Brüder, Gemeinde Jesu!
 
Es geht um Identität! Letztlich geht es dem Apostel Paulus hier um die bedrängende Frage: Wer bin ich? Und unser christlicher Glaube ist nicht weniger als ein Angebot, diese Frage zu beantworten: Wer bin ich? Wie kann ich im Frieden sein mit mir und mit der Welt?
 
In diesem Text bekommen wir Einblick in das innere Ringen des Apostels mit dieser Frage.
Paulus aus Tarsus ist von Gott herausgerufen worden aus einem „normalen“, man kann sagen, „natürlichen“ Selbstverständnis hin zu einem christlichen. Von einer natürlichen, normalen Identität, hin zu einer christlichen Identität. Von der Frage: Wer bin ich, ich Paulus aus Tarsus, hin zu einem Identitätsverständnis zu sagen: Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin als neuer Mensch in Christus.
Von seiner Identität als rechtschaffener Bürger und makellos jüdisch-pharisäischen Laufbahn: „Ich tue Recht und scheue niemand“, ist er zu seiner eigenen Überraschung herausgerufen worden zu einer neuen, einer geistlichen Identität, Zitat aus dem Text: „damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde!“

 

Die natürliche Identität eines Menschen stützt sich auf seine Herkunft, auf seine Kraft, auf seine Eltern, seinen Ursprungsfamilie, seine Heimat, auf seine eigenen Erfahrungen und Erfolge, Geschicklichkeit, Intelligenz, Charakterstärke.
„Ich könnte mich schon rühmen meines Fleisches, ich bin am achten Tag beschnitten, aus dem Volk Israel, aus dem erwählten Volk Israel, ich bin vom Stamme Benjamin, Hebräer, als Pharisäer untadelig in der Befolgung des Gesetzes“, sagt Paulus in dem Abschnitt direkt davor.
Aber, fängt es an in Vers 7, jetzt hat ein Wechsel stattgefunden: „Was mir Gewinn war, worauf ich stolz war, ja übereifrig und selbstgerecht, das erachte ich jetzt um Christi willen für einen Schaden!“
Von der natürlichen Identität ist Paulus zu einer geistlichen Identität des Glaubens an Christus gekommen! Statt einer Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, habe ich jetzt eine Gerechtigkeit, die von Gott kommt, eine, die mir zugerechnet wird, eine Glaubensgerechtigkeit, geschenkt statt erarbeitet, empfangen, statt erworben.
Martin Luther sagt: Eine fremde Gerechtigkeit, statt die eigene, eine passive statt eine aktive.
Paulus hat etwas Besseres gefunden als diesen Eifer, sich dauernd seine eigene Gerechtigkeit erarbeiten und beweisen zu müssen. Offensichtlich hat da ein sehr radikaler Identitätswechsel stattgefunden, so dass er sogar sagt: Das halte ich jetzt sogar für einen Scheiß, angesichts meiner neuen Sehnsucht mich auszustrecken nach Christus und dem Frieden, den ich von Gott in der Gerechtigkeit Christi empfangen darf. Warum kann Paulus diese Selbstgerechtigkeit des natürlichen Menschen für so bescheiden halten?
Am besten fragen wir uns dabei selbst, wozu eine solche „eigene“ Gerechtigkeit letztlich führt. Und da kommt es darauf an, so ehrlich wie möglich zu sich selbst zu sein. Wer bin ich?
Da zähle ich dann auf, was ich schon alles geleistet habe, was ich gut kann und was mir gelungen ist. Da danke ich dann Gott, dass ich nicht so bin, wie der da, oder wie die da, die so hochnäsig ist oder gar selbstgerecht. Ich dagegen bin ja hübsch bescheiden geblieben! Ich habe auch einen korrekt ökologischen Lebensstil entwickelt und übernehme soziale Verantwortung in Familie, Nachbarschaft und Öffentlichkeit. Zahle ich nicht brav meine Steuern und bin auch einigermaßen freundlich zu jedermann? Auch schlage ich meine Frau nicht und will das Beste für meine Kinder!

 

Wer bin ich?
Ich tue recht und scheue niemand! Warum ist das ein Scheiß? Weil ich in dieser Haltung einsam werde. Weil ich mich in die Illusion der Unverwundbarkeit zurückziehe, weil ich vielleicht zuerst unbemerkt in mir und in meiner Gerechtigkeit erstarre und unempfindlich werde für die Verwundung meiner eigenen Seele, für die Verwundung meiner Nächsten und die Wunden der ganzen Welt.
Eine Sackgasse und eine Riesen-Illusion ist solch eine Gerechtigkeit, weil jedes Menschen-leben bedürftig und angewiesen und diese Welt als ganze eine nach Erlösung schreiendes Tollhaus ist. Mit Gerechtigkeit die wir schaffen, bei uns selbst angefangen, wird es nicht zu ändern sein. Ja, freilich kann man sich abschotten, man kann lieblos erblinden und sich zurückziehen in den Schrebergarten seiner eigenen Selbstgerechtigkeit, aber dabei wird man je länger je mehr ganz sicher den Kältetod isolierter Teilnahmslosigkeit zu sterben beginnen!
Aus solcher stolzen Selbstgerechtigkeit wurde Paulus herausgerufen und nirgends im Neuen Testament ist der christliche Glaube als Wechsel von der eigenen Gerechtigkeit hin zu Gottes zugeteilter Gerechtigkeit um Christi willen deutlicher auf den Punkt gebracht.
Im Evangelium von Jesus Christus ist jetzt aber die Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, triumphiert Paulus in Römer 1, Vers17 und entfaltet von da aus diese neue Identität und diese neue Freiheit im christlichen Glauben! Das ist die neue Identität der Christen.

 

Wer bin ich?
Ich bin von Gott gerecht gemacht. Ich werde um Christi willen in einem fort aufgerichtet. Dass ich mich alleweil selber aufrichten will und mir meine Vorzüge vorhalte, das ist ein Schaden, der mich nur wegführt von der Liebe, vom Leben und vom Erbarmen Gottes. Ich halte mich an die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Ich will Christus und seine Liebe gewinnen, ich will in der überschwänglichen Erkenntnis Christi wachsen und ihm, meinem Herrn nachjagen.
Was dahinten ist, vergesse ich! Ich weiß gar nicht was alles Tolles mir gelungen ist, interessiert mich auch gar nicht. Der neuen Berufung zu einer riskanten christlichen Identität jage ich nach, strecke mich aus nach der Kraft seiner Auferstehung und riskiere, ja sehne mich nach der Gemeinschaft mit ihm und mit seinem Leiden, die aus dem Erbarmen Gottes mit dieser Welt herrühren. Ich will teilhaben an seiner Hingabe-Existenz, weil allein in Christus wirkliche Gerechtigkeit, wahre Wiedergutmachung und Erlösung liegen kann.
Eine neue, ganz andere Identität ist das. Und obwohl Paulus die alte wegwirft, hat er die neue noch nicht einmal. Er wirft die alte weg und streckt sich aus nach der neuen geschenkten und verheißenen Gerechtigkeit des Glaubens in Christus.

 

Bischof Rowan Williams, der Erzbischof der anglikanischen Weltgemeinschaft hat dies in Stuttgart auf der 11.Versammlung des Luth. Weltbundes so geschildert, bei seinem Hauptvortrag zum Thema „Unser täglich Brot gib uns heute“. Ich zitiere: „Für das tägliche Brot zu beten, bedeutet, dafür zu beten, wieder mit unserer Verwundbarkeit vertraut zu werden, wieder zu lernen, uns einander zuzuwenden und nicht nur Gott mit offenen Händen zu begegnen. Wir müssen über die unterschiedlichen Arten nachdenken, wie wir uns verteidigen. Wir können nicht offen für unser täglich Brot beten, wenn wir gleichzeitig untrennbar mit unseren eigenen Fehlern und Rechtschaffenheit verbunden sind, auch nicht, wenn wir gleichzeitig mit unserer eigenen Sicherheit und unserem Wohlstand untrennbar verbunden sind, können wir nicht bitten: unser täglich Brot gib uns heute!“
 
Wer um Brot und um Vergebung bittet, ist jemand, der das Privileg aufgegeben hat, fehlerlos und sicher zu sein. Er oder sie bekennt auf Heilung angewiesen zu sein, nach dem Brot der Akzeptanz und nach der Wiederherstellung der Beziehung bedürftig zu sein.
Gleichermaßen gibt der oder die Vergebende die sichere Position des verletzten Opfers auf, beschließt das Risiko auf sich zu nehmen, eine neue Beziehung aufzubauen, welche gefährlich sein könnte, welche Schmerzen verursachen könnte.
Brot und Vergebung erbittend und gewährend, bewegen sich beide aus der Sicherheitszone hinaus, beide haben begonnen zu fragen, wie sie ihre Menschlichkeit als Gabe Gottes annehmen können.
Vergebung ist eine der radikalsten Methoden, wie wir bei unseren Mitmenschen die Menschlichkeit nähren können. Wenn wir beleidigt und verletzt werden, ist die normale menschliche Reaktion Rückzug, die Festigung der Mauern um das private Ich. Und das hat Konsequenzen, die eigene Menschlichkeit als Eigentumsanstalt, anstatt als Gabe zu verstehen. Wem nicht vergeben wird und wer nicht vergibt, kann das Gegenüber nicht mehr als das sehen was er oder sie ist, nämlich ein Teil der Gabe Gottes, Menschlichkeit zu schenken. Zu vergeben ist eindeutig die Eigenschaft einer Menschheit, die von Gott berührt wurde, die frei wird von Angst um Identität und Sicherheit und frei wird, die Hand auszustrecken nach etwas anderem, nämlich nach dem, was Gott in Jesus Christus getan hat und tut.

 

So ist diese neue Identität, wie Paulus sie beschreibt, im Begriff der geschenkten Glaubensgerechtigkeit Gottes um Christi willen die Hoffnung unseres Lebens, eine persönliche Berufung dem vorgesteckten Ziel nachzujagen und „in Christus“ zu sagen:
„Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin!“
 
Amen
 
 

 


 
 
 
 

 

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Letzte Aktualisierung: 10.08.2010

 

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