Liebe Leser und Leserinnen,
die Passionszeit beginnt immer mit Aschermittwoch. Der erste Sonntag der Passionszeit mit Namen Invokavit (dieses Jahr der 22. Februar) geht mit seinen Bibelworten auf diese besondere Zeit ein: Vermutlich erklingt als Lesung in den meisten evangelischen Kirchen die Geschichte, in der Jesus vom Teufel in der Wüste in Versuchung geführt wird; und Grundlage der Predigten ist die andere Versuchungsgeschichte der Bibel – die Sündenfallgeschichte. Sie steht in 1. Mose 3,1-24.
Ah, das ist die Geschichte, in der Eva sich von der Schlange aufschwätzen lässt, den Apfel von dem verbotenen Baum zu essen, werden manche gleich denken. In der Kunst ist das ja ein äußerst bekanntes Motiv: Adam und Eva mit Schlange unterm Apfelbaum. Aber nirgends in der ganzen Geschichte ist von einem Apfel die Rede; es könnte genauso ein Orangenbaum gewesen sein, von dem Eva die Frucht nimmt. Schauen wir die Geschichte mal dahingehend genauer an, was wir aus ihr für die gesamte Fastenzeit an Gewinn ziehen können. Meine Gedanken entfalte ich in 5 Schritten:
Der erste Gedanke hängt mit der Vorgeschichte des Sündenfalls zusammen: Gott erschafft Adam und Eva und lebt mit ihnen zusammen im Garten Eden. Die Gemeinschaft ist ungetrübt. Das ist die Ausgangslage vor dem Sündenfall. Diese ungetrübte Gemeinschaft des Menschen mit Gott ist es, die verloren geht.
Unsere Bibel erzählt direkt vor der Sündenfallgeschichte von der Erschaffung Adams und dann auch Evas. Als Adam sie zum erst Mal sieht jubelt er: „Diese, endlich, ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch“. Und die Geschichte resümiert noch vor dem Sündenfall: „Deswegen verlässt ein Mann Vater und Mutter und die beiden werden ein Fleisch.“ Sexualität gehört also zur guten Schöpfung. Gott ist weder sex- noch genussfeindlich. Augustin hat wohl die schrecklichste Missinterpretation der Sündenfallgeschichte geliefert, indem er lehrte, dass mit dem Geschlechtsverkehr die Erbsünde weitergegeben werde. Diese unbiblische Theorie der Erbsünde hat unendlich viel Verklemmung aus sich herausgesetzt.
Vor allem aber: die Sünde wird bagatellisiert, wenn sie sexualisiert wird. Die Sünde ist die Trennung von Gott, die Adam und Eva faktisch vollziehen, indem sie hintanstellen, was Gott Ihnen gesagt hatte. Darum ist die Frage so wichtig für unser Leben: Was will Gott von mir? Was ist in seinen Augen gut und genießbar.
Der zweite Schritt: Die Schlange ist in dieser Geschichte nicht der Teufel in Tiergestalt, sondern wird ausdrücklich als klügstes aller Tiere „die Gott gemacht hatte“, bezeichnet. Der Mensch ist nicht vor dem Sündenfall gut und hinterher schlecht. Die Möglichkeit zu Verführung und die Verführbarkeit des Menschen gehören zur Schöpfung. Eva findet genau die Frucht, die sie nicht essen soll, appetitlich. Die biblische Geschichte lehrt uns Realismus: Wir Menschen sind verführbar, lassen uns auch allzu oft verführen und kassieren die Quittung unseres Tuns mitten im Leben.
Nämlich: Der Mann wird Herr der Frau. Ja, das ist wirklich eine Strafe, wenn das so ist. Umgekehrt – wenn sich die Frau zum Herrn über den Mann aufspielt – ist das auch nicht besser!
Lebenserhalt mit Arbeit wird brutal anstrengend; früher körperlich - als es noch keine Maschinen gab für die Wäsche oder den Ackerbau. Doch auch heute kann Arbeitsstress Menschen in Herzinfarkt oder Burnout treiben.
Kinder werden mit schmerzhaften Wehen geboren.
Herrschaft, Überanstrengung, Schmerzen - all das gehört zum Menschsein jenseits des Paradieses; und vor allem der Tod. Denn Gott sorgt dafür, dass Adam und Eva – durch Vertreibung aus dem Paradies - keinen Zugang haben zum Baum des Lebens. Auch wenn wir versuchen partnerschaftlich zu sein, mit Freude zu arbeiten und schmerzfrei zu leben – und oft gelingt das auch - so bleibt doch dies, dass wir alle sterben werden. Wir können tun, was wir wollen; darin wird sich unser Leben immer vom Leben im Paradies unterscheiden; nur im Paradies ist es ewig. - Wahrscheinlich ist das auch gut so.
Der dritte Gedanke: Gott verbietet nur das Essen eines einzigen Baums: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen darfst Du nicht essen; denn am Tag, an dem du von ihm isst, musst du sterben.“ Ein einziges Verbot – und genau(!) an diesem scheitern Adam und Eva. Gerade das Verbot macht diesen Baum so besonders so reizvoll. Als Jesus gefragt wird, was das höchste und vornehmste Gebot sei, wiederholt er keines der 10 Gebote, die fast alles Verbote sind – angefangen vom ersten: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“. Jesus formuliert wohl bewusst positiv: Du sollst Gott lieben und Deinen Nächsten wie Dich selbst. Es ist, als ob Jesus uns den Reiz, des Verbotenen nimmt, indem er uns einen Weg nach vorne weist. Wer liebt - Gott und seinen Nächsten – kann und wird vieles lassen.
Der vierte Gedanke: Im Paradiesgarten vor dem Sündenfall waren Adam und Eva nackt und sie schämten sich nicht. Scham gehört zur gefallenen Schöpfung. Die beiden gingen vorher wie selbstverständlich unbekleidet durch den Garten, paradiesisch. Auch angekleidet denken oder sagen wir manchmal: „Ein Paradies!“, wenn wir fast sprachlos sind, wie schön ein Garten, ein Park oder naturbelassene Schöpfung in den Bergen, an Flüssen und Seen ist.
„Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein“, das verheißt Jesus dem Menschen, der neben ihm an Kreuz hängt und sich an ihn wendet. Wenn Jesus das sagt, dann hat er einen Ort vor Augen, der voll Schönheit ist, in dem wir ohne Scham in Gemeinschaft mit Gott leben können. Der Weg geht ins Paradies und in das ewige Leben für alle, die sich Christus anvertrauen.
Die Sündenfallgeschichte erzählt die Geschichte, in der wir das ewige Leben bei Gott verlieren. Jesus führt den Weg zurück ins Paradies, ins ewige Leben, weil er uns in die Gemeinschaft mit Gott zurückführt. Paulus bringt dies auf den Punkt, wenn er sagt: „Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Jesus Christus.“
Zuletzt: Das Evangelium des Sonntags erzählt, dass auch Jesus versucht wurde wie wir. Doch er blieb dabei ohne Sünde, d.h. er blieb in Gemeinschaft mit dem Vater. Um Jesus zu Fall zu bringen, taucht sogar der Teufel persönlich auf und gebraucht Bibelverse!!! Die größten Verführungen waren schon immer religiös getarnt, auch im dritten Reich oder auch wenn sich Menschen heute zum Messias aufspielen und religiös daherreden. Wichtig ist: Jesus wehrt sich mit der Bibel gegen den diabolischen Missbrauch der Bibel. Sie bleibt ihm Norm und Wegweisung. Das ganze Neue Testament erzählt, dass die Verbindung mit Gottes Wort und mit Jesus uns zurück in ein Leben in Gemeinschaft mit Gott bringt. Wir haben an Weihnachten gesungen: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür, Gott sei Lob Ehr und Preis“.
Die Passionszeit ist eine uns geschenkte Zeit. Sie ist dazu da, dass wir sensibel werden für das, was uns von Gott trennt, dass wir der Vergebung Jesu am Kreuz vertrauen und uns von ihm Schritt für Schritt den Weg führen lassen zu wachsender Gemeinschaft mit Gott - bis er einmal zu uns sagt: jetzt komm zu mir ins Paradies. Amen.
Dorothea Greiner, Tertiärschwester